Kapitel 1 von Erinnye 

 

Der Regen tropfte unstet gegen das Fenster. Jedesmal wenn einer der Tropfen gegen das Glas fiel und mit einem Ploppen zerplatzte, erschien es ihm in seinem Kopf so als würde jemand, oder etwas, anklopfen. Als ob jemand ihn bat herauszukommen. „Keine Sorge, es ist inzwischen dunkel geworden.“ schien ihm eine Stimme zu versichern. Und es stimmte, ohne dass er es gemerkt hatte war die Sonne untergegangen. Kein einzelner Sonnenstrahl fiel auf den Parkettboden vor seinen Füßen. Er musste wohl mehrere Stunden in seinem Schaukelstuhl, in einer Ecke seiner Wohnung gesessen haben. Es kam nur selten vor, dass er derart in Gedanken über etwas versank, dass er den Einbruch der Nacht verpasste. Die Dunkelheit war seine Zeit. Als sein Blick durch das Fenster hinaus auf den Mond fiel, verstärkte sich dieses eindringliche Verlangen in ihm. Das Verlangen in die Nacht hinaus zu gehen und seinen Trieben freien Lauf zu lassen. Er wusste, wenn er es nicht tat, dann würde es für ihn unerträgliche Qualen bedeuten. Diese leise Stimme in seinem Kopf ging nie ganz weg. Immer war sie leise zu hören wie sie ihn aufforderte rauszugehen.
Wiedereinmal gab er nach, nahm den schwarzen Mantel, der bislang auf dem Tisch in der gegenüberliegenden Raumhälfte gelegen hatte, zog ihn an, versicherte sich, dass seine Zigaretten und das silberfarbene Zippo noch in der Manteltasche waren und verließ seine Wohnung. Als er die Straße betrat und die Menschen sah die durch den Nebel und die Finsternis ihrer Wege gingen, verfluchte er die Neuzeit. Früher war es anders gewesen. Damals, in der guten alten Zeit, hatten die Leute Angst vor ihnen gehabt. Ehrfürchtig war ihnen der Atem gestockt wenn nur irgendjemand in ihrer Nähe das Wort „Vampir“ erwähnt hatte. Diese Zeiten waren vorbei. Die Erwachsenen, alle miteinander Yuppies die nichts anderes zutun hatten als sich solange in ihre Arbeit zu stürzen bis sie durch einen Nervenzusammenbruch zum Frührentner wurden, glaubten nicht mehr an die wahren Fürsten der Nacht. Aber noch schlimmer als die fantasielosen Erwachsenen waren die Jugendlichen. Nichts widerte ihn so an wie kleine Pseudogothics, die mit ihren schwarz umrandeten Augen, ihren umgekehrten Kreuzen um den Hals herumliefen und sich selbst für den Antichristen hielten. Früher hatte es Menschen gegeben die friedlich mit den Vampiren zusammengelebt hatten, diese ursprünglichen Gothics waren den Vampiren sehr ähnlich gewesen. Nicht selten war es vorgekommen dass einer der Lebendigen ein paar Untote zu sich eingeladen hatte. Meistens um zu diskutieren. Logisch, den Vampire bargen das Wissen mehrerer Jahrhunderte in sich. Doch diese meist jugendlichen Menschen wurden älter und mit der Zeit vergasen sie ihre unsterblichen Freunde. Die heutige Jugend war anders. Aus der ehemaligen Elite derer, die stolz darauf sein konnten anders zu sein als ihrer Zeitgenossen, war eine gesichtslose Masse aus trendverfolgenden Mitläufern geworden. „Es ist „cool“ eine Gothic zu sein.“ dachte er verbittert. Selbst jetzt, in der Nacht vor einem Schultag waren sie unterwegs. Meist in Gruppen, klar Schafe waren auch Herdentiere. Auch jetzt gingen wieder ein paar dieser Art an ihm vorbei, ein Mädchen mit langen pechschwarzen Haaren und kiloweise Silber durch alle möglichen Körperteile gebohrt, trabte folgsam neben mehreren ähnlich aussehenden Jungen her. Einer, wahrscheinlich ihr Freund, riss sie brutal am Handgelenk als sie seiner Meinung nach zu langsam ging. Klar, Gothic war in ihren Köpfen gleichzusetzen mit Satanist. Und für einen Satanisten gehörte es sich schließlich dass er seine Freundin unterwarf. Doch nicht diese Gruppe war es, die dieses leichte Pochen in seinem Kopf verursachte. Er folgte dem Druck, der wenn man ihn irgendwie visualisieren könnte auf jeden Fall dunkelrot wäre, durch die Gassen. Er kannte sein Ziel nicht, wusste aber, dass sein Gefühl ihn nie betrog. Er sah sich um. Irgendwo hier musste sie sein. Und tatsächlich, vor einer geschlossenen Tankstelle hämmerte ein blondes Mädchen wütend gegen die Scheibe. Leise und mit einer huschenden, einem Windhauch ähnlichen Bewegung trat er hinter sie. „An deiner Stelle wäre ich vorsichtig, vielleicht haben die hier eine Alarmanlage.“ sprach er sie an, natürlich mit der Absicht sie zu erschrecken. Hektisch wirbelte das Mädchen herum und er konnte erkennen, dass sie wirklich hübsch war. Ihr Gesicht war nicht wie bei den Meisten in ihrem Alter mit Make-up vollkommen zugekleistert. Es war das natürlich Strahlen ihrer grünen Augen und die Art wie ihr ihre blonden Locken ins Gesicht fielen, was ihn an ihr so reizte. Sie war etwas das man heutzutage nur mehr selten fand. Unschuldig. Er hätte keine Probleme gehabt irgendwo etwas zu trinken finden. Er war gutaussehend und wirkte nicht nur auf Frauen und Mädchen attraktiv, aber er hasste es wenn er ausging und sich irgendwelche Gothicschlampen („Selbst solche „Wörter hatten es damals nicht gegeben&ldquo an ihn ranschmissen. Selbst wenn er ihnen sein wahres Gesicht zeigte waren sie geradezu erpicht darauf von ihm gebissen und zu einem Seinergleichen gemacht zu werden. Er verabscheute diese Menschen, die keine Ahnung hatten was es bedeutete ein Untoter zu sein. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, konnte er es sich meist nicht verkneifen ihrem oftmals noch sehr kurzem Leben ein Ende zu bereiten. Er biss sie nicht und machte sie schon gar nicht zu seinen Gefährtinnen. Er brach ihnen einfach das Genick und ließ sie in einer Seitenstraße liegen. Ein Todesfall unter vielen. Es hatte auch Vorteile in einer großen Stadt zu leben. Er war, schon in seinem vorigem –dem „lebendigen“ – Leben, ein Feinschmecker gewesen. Er biss nicht alles, nicht einmal in größter Not würde er eine dieser „Ratten“ aussaugen. Er war ein Genießer und das blonde Mädchen entsprach vollkommen seinen Ansprüchen.